Wenn Teilchen eng zusammenrücken

Presseinformation der LMU München vom 04.05.2009

Bislang kürzeste Kohlenstoff-Chlor-Einfachbindung entdeckt

Die Beschreibung von Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen Atomen ist eine der Grundaufgaben der Chemie. Zwar existieren bereits chemische Bindungsmodelle, die diese Eigenschaften sehr gut beschreiben. Allerdings kann jede Abweichung von den normalen Gegebenheiten dazu beitragen, die Modelle weiter zu verbessern. Chemiker um Professor Thomas M. Klapötke von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München haben nun ein Molekül analysiert, das einen extrem kurzen Bindungsabstand aufweist. Wie die Forscher in „Nature Chemistry“ berichten, sind das Kohlenstoff- und Chloratom im sogenannten Chlortrinitromethan Molekül lediglich 1,69 Angström voneinander entfernt. „Für diesen kurzen Abstand sind nicht-kovalente Wechselwirkungen mit entscheidend“, erklärt Göbel, aus dessen Doktorarbeit die neuen Ergebnisse hervorgegangen sind. „Ein besseres Verständnis dieser Wechselwirkungen ist hilfreich in allen Bereichen in denen molekulare Erkennung und Selbstaufbau eine Rolle spielen.“ (Nature Chemistry online, 3. Mai 2009).

Chemische Bindungsmodelle, die die Eigenschaften von Atomverbindungen beschreiben, existieren bereits seit über hundert Jahren. Diese Modelle untersuchen unter anderem die elektrostatischen Wechselwirkungen zwischen Atomen, also deren wechselseitige Anziehung oder Abstoßung. Allerdings werden hier meist nur die direkt an der Bindung beteiligten Atome betrachtet, während der Einfluss weiter entfernter Atome unberücksichtigt bleibt. Nun konnte das Team um Professor Thomas M. Klapötke vom Department Chemie und Biochemie, das sich vordringlich mit der Synthese und Erforschung neuer, hochenergetischer Materialien beschäftigt, erstmals nachweisen, dass auch die zweiten und dritten Nachbarn einen entscheidenden Einfluss auf die Eigenschaften einer Atombindung haben können.

Die Forscher wählten für ihre Untersuchung das sogenannte Chlorotrinitromethan-Molekül aus, eine Verbindung bestehend aus dem Halogen Chlor und dem Pseudohalogen Trinitromethyl. Letzteres setzt sich aus einem Kohlenstoffatom und drei Nitrogruppen zusammen. Die Trinitromethyl-Einheit zählt zur Gruppe der Pseudohalogene, die ähnliche Eigenschaften wie Halogene besitzen: Beide Gruppen setzen sich aus Nichtmetallen zusammen, die meist in gasförmiger oder flüssiger Form vorliegen und zusammen mit Metallen Salze ausbilden. Anders als die Halogene sind die Pseudohalogene jedoch keine echten chemischen Elemente, sondern chemische Verbindungen aus verschiedenen Elementen.

Mithilfe der so genannten Röntgenstrukturanalyse gelang es den Forschern erstmals, die innere Struktur des Chlorotrinitromethan-Moleküls zu rekonstruieren und Rückschlüsse über die Abstände zwischen den einzelnen Atomen zu ziehen. Bei ihren Analysen stießen die Chemiker auf eine besonders interessante Eigenschaft des Chlorotrinitromethan-Moleküls: Der Abstand zwischen seinem Chlor- und Kohlenstoffatom beträgt lediglich 1,69 Angström. Ein Angström ist der zehnmillionste Teil eines Millimeters. Die nun nachgewiesene Distanz zwischen den Atomen ist der kürzeste je beobachtete Abstand für vergleichbare Chlor-Kohlenstoff-Einfachbindungen. Alle bisher gemessenen Abstände liegen im Bereich zwischen circa 1,71 und 1,91 Angström.

Durch theoretische Berechnungen konnten die Forscher in Kooperation mit Professor Peter Politzer und Dr. Jane S. Murray an der US-amerikanischen Universität von New Orleans zudem die Verteilung der elektrischen Ladungen innerhalb des Moleküls nachvollziehen. Dabei stellte sich heraus, dass das Chloratom ein gänzlich positives elektrostatisches Potential aufweist – ein seltener Fall, da Chlor ansonsten meist negativ polarisiert vorliegt. Zusammen mit der Ladungsverteilung der übrigen Atome erklärt dieser Befund jedoch, warum Chlor- und Kohlenstoffatom so eng miteinander verbunden sind. Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass elektrostatische Wechselwirkungen von benachbarten Atomen einen signifikanten Einfluss auf die Bindungslänge haben können, selbst wenn diese Atome nicht direkt an einem der beiden Atome gebunden sind, die die Bindung aufbauen.

Im Fall von Chlorotrinitromethan ist dieser Effekt besonders ausgeprägt und führt zu einem ungewöhnlich kurzen Chlor-Kohlenstoff-Abstand, er könnte aber für vielfältige weitere Fälle von Bedeutung sein – insbesondere in Bereichen, wo Moleküle sich selbständig gegenseitig erkennen und zu größeren Strukturen zusammenfügen. Diese Mechanismen spielen zum Beispiel in biologischen Systemen und in der Nanotechnologie eine wichtige Rolle. (ca/suwe)

Publikation:
„Chlorotrinitromethane and its exceptionally short carbon-chlorine bond“;
Michael Göbel, Boris H. Tchitchanov, Jane S. Murray, Peter Politzer und Thomas M. Klapötke;
Nature Chemistry online,
03. Mai 2009;
DOI: 10.1038/nchem.179

Externer Link: www.uni-muenchen.de

Künstliches Rauschen spart Energie bei Breitband-Internetzugängen

Presseinformation der Fraunhofer-Gesellschaft vom 04.05.2009

Wie xDSL-Systeme in Zeiten der Klimadiskussion energie-effizienter und damit kostengünstiger arbeiten, das haben Wissenschaftler der Münchner Fraunhofer-Einrichtung für Systeme der Kommunikationstechnik ESK herausgefunden. Mit ihrem Forschungsergebnis liefern sie eine Lösung, die Netzanbieter schnell umsetzen könnten. Möglich macht das die Kombination vorhandener Techniken: Dem L2-Energiespar-Modus in ADSL2-Systemen und den Verfahren des künstlichen oder virtuellen Rauschens.

Ökologische und ökonomische Gründe zwingen auch Telekommunikationsunternehmen zum Einsatz energiesparender Systeme. Das breitbandige DSL-Zugangsnetz verbraucht weltweit etwa 20 Milliarden Kilowattstunden Energie pro Jahr. Das entspricht vier Prozent des jährlichen Energieverbrauchs in Deutschland. Längst ließe sich der Verbrauch des DSL-Netzes mit dem Einsatz eines Ruhemodus (des L2-Modus) in gängigen ADSL2/ADSL2+-Systemen signifikant senken. Bisher laufen Breitbandzugänge stets auf voller Leistung, doch der L2-Modus reduziert bei ruhender Kommunikation die Sendeleistung des Systems und damit dessen Stromverbrauch. Obwohl der Modus bereits standardisiert und in vielen Geräten auf Empfänger- und Vermittlungsseite vorhanden ist, kommt er nicht zum Einsatz. Das Problem: Der Ruhemodus verursacht erhebliche Störungen in benachbarten DSL-Systemen.

Wenn ein Modem sich verbindet und den Sparmodus verlässt, die benachbarten Modems sich aber noch im Ruhezustand befinden, tritt nur eine geringe Störung auf und es verbindet sich mit einer extrem hohen Datenübertragungsrate. Erwachen nun aber beispielsweise Systeme in den Nachbarwohnungen, wird die Störung im ersten System so groß, dass die Verbindung abreißt und das Modem erst nach einer längeren Neustartphase und dann auch nur mit deutlich reduzierter Datenrate wieder online gehen kann. Aus diesem Grund deaktivierten die Betreiber von Breitbandnetzen den Energiesparmodus und nahmen ihn auch nicht in die Standardisierung für zukünftige Breitbandanschlüsse mit schnelleren Datenübertragungsraten (VDSL) auf.

Wissenschaftlern vom ESK ist es jetzt gelungen, künstliches oder virtuelles Rauschen für die Stabilisierung von DSL-Anschlüssen anzuwenden, um damit den energiesparenden Modus doch einsetzen zu können. Das künstliche Rauschen täuscht den Breitbandempfängern eine Störung vor, wie sie für das genutzte Kabelbündel typisch ist. Will sich ein Modem mit dem Internet verbinden, registriert das System eine normale Störung, selbst wenn das Gerät in der Nachbarwohnung im Ruhezustand ist. Die Verbindung baut sich zwar nicht mit der größtmöglichen, sondern einer geringfügig reduzierten Übertragungsrate auf, bleibt aber auch dann stabil, wenn der Nachbar online geht.

Sowohl der L2-Modus als auch das künstliche Rauschen lassen sich schon jetzt einsetzen. Mit ihrer Arbeit zeigen die ESK-Forscher, wie sich beide Technologien miteinander kombinieren lassen, um das Surfen mit Breitbandgeschwindigkeit energiesparender und dabei stabiler zu machen. Netzbetreiber könnten jährlich mehrere Millionen Kilowattstunden Strom und damit allein in Deutschland 1,5 Millionen Euro Betriebskosten sparen. Kleines Manko: Zunächst sparen dabei nur die Netzbetreiber, nicht die Nutzer.

Externer Link: www.fraunhofer.de