Neue selbstheilende Kunststoffe entwickelt

Presseinformation des KIT (Karlsruher Institut für Technologie) vom 24.03.2014

Forscher des KIT und Evonik Industries haben ein neuartiges Polymernetzwerk entwickelt, das sich bei relativ niedrigen Temperaturen sehr schnell und beliebig oft wiederholbar selbst heilt

Ob Kratzer im Autolack oder Risse im polymeren Material: Selbstheilende Werkstoffe können sich selbst reparieren, indem sie nach Beschädigungen ihre ursprüngliche molekulare Struktur wiederherstellen. Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie und Evonik Industries entwickelten eine chemische Vernetzungsreaktion, durch die sich bei milder Erwärmung innerhalb kurzer Zeit gute Heilungseigenschaften des Materials erreichen lassen. Die Ergebnisse ihrer Forschung veröffentlichen sie nun im Fachmagazin Advanced Materials. DOI:10.1002/adma.201306258

Die Karlsruher Forschungsgruppe um Christopher Barner-Kowollik nutzt zum Herstellen selbstheilender Materialien die Möglichkeit, funktionalisierte Fasern oder kleine Moleküle durch eine umkehrbare chemische Reaktion zu einem Netzwerk zu verknüpfen. Diese sogenannten schaltbaren Netzwerke lassen sich – nach einer Beschädigung – in ihre Ausgangsbausteine zerlegen und wieder neu zusammenfügen. Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass sich der Selbstheilungsmechanismus beliebig oft auslösen lässt, zum Beispiel durch Hitze, Licht oder durch die Zugabe einer Chemikalie. „Unsere Methode ist vollkommen katalysatorfrei, sie benötigt keinerlei Zusatzstoff“, sagt Professor Barner-Kowollik. Als Inhaber des Lehrstuhls für Präparative Makromolekulare Chemie am KIT befasst sich der Wissenschaftler mit Synthesen von makromolekularen chemischen Verbindungen.

In rund vierjähriger Forschung hat der von Barner-Kowollik geleitete Arbeitskreis gemeinsam mit dem Projekthaus Composite der Creavis, der strategischen Innovationseinheit von Evonik, ein neuartiges Polymernetzwerk entwickelt. Bei vergleichsweise geringen Temperaturen von 50˚C bis 120˚C zeigt das Netzwerk in wenigen Minuten sehr gute Heilungseigenschaften. Die benötigte Zeit zu verringern und die äußeren Bedingungen, unter denen der Heilungsprozess abläuft, zu optimieren, gehört zu den wesentlichen Herausforderungen der Forschung an selbstheilenden Materialien. Einen Erfolg sehen die KIT-Forscher in der großen Zahl der intermolekularen Bindungen, die sich in dem von ihnen entwickelten Heilungszyklus beim Abkühlen in sehr kurzer Zeit wieder schließen. Zudem bestätigten mechanische Tests wie Zugversuche und das Prüfen der Zähigkeit, dass sich die ursprünglichen Eigenschaften des Materials vollständig wiederherstellen lassen. „Es ließ sich nachweisen, dass die Testkörper nach der ersten Heilung sogar stärker gebunden sind als vorher“, so Barner-Kowollik.

Die selbstheilenden Eigenschaften lassen sich auf die große Bandbreite der bekannten Kunststoffe übertragen. Neben der Selbstheilung erhält das Material eine weitere vorteilhafte Eigenschaft: Da es bei höheren Temperaturen fließfähiger wird, lässt es sich gut umformen. Ein Anwendungsbereich ist zum Beispiel die Teileproduktion aus faserverstärktem Kunststoff für die Automobil- oder Luftfahrtindustrie.

Zum Konsortium, das die neuartige Vernetzungsreaktion entwickelt hat, gehören als Industriepartner das Chemieunternehmen Evonik Industries, sowie unter anderem das Leibniz-Institut für Polymerforschung in Dresden und die Australian National University, Canberra, an. (af)

Publikation:
Kim K. Oehlenschlaeger, Jan O. Mueller, Josef Brandt, Stefan Hilf, Albena Lederer, Manfred Wilhelm, Robert Graf, Michele L. Coote, Friedrich G. Schmidt and Christopher Barner-Kowollik: Adaptable Hetero Diels-Alder Networks for Fast Self-Healing under Mild Conditions. Advanced Materials, 2014. DOI:10.1002/adma.201306258.

Externer Link: www.kit.edu

Von Blut bis Papier: Fundamentale Erkenntnis im Bereich der Partikelströmungen

Pressemitteilung der TU Graz vom 18.03.2014

Forscher aus Graz, Princeton und Zürich beobachten entscheidendes Phänomen in T-förmigen Abzweigungen

Alles fließt in der Strömungslehre: Ein Forscher der TU Graz ist in Zusammenarbeit mit Kollegen der Princeton University und der ETH Zürich auf ein bisher unentdecktes Phänomen im Strömungsverhalten von Partikeln gestoßen. Partikel, etwa Blutzellen, Gasbläschen oder Zellstoff-Fasern, häufen sich unter bestimmten Voraussetzungen in T-förmigen Abzweigungen an. Entscheidend sind Strömungsgeschwindigkeit, Partikeldichte und Partikelgröße. Mit der Beschreibung dieser Parameter können Partikelansammlungen an den T-förmigen Abzweigungen nicht nur verhindert, sondern künftig auch gezielt hervorgerufen werden – weitreichende Auswirkungen, beispielsweise für die Papierindustrie, könnten sich daraus ergeben. Das grundlegende Ergebnis wurde in der aktuellen Ausgabe des renommierten PNAS Journal veröffentlicht.

Von Blutgefäßen bis zu industriellen Großanlagen: T-förmige Abzweiger spielen als universelle geometrische Einheit in der Natur und technischen Anwendungen eine wichtige Rolle und sind beispielsweise in unseren Blutgefäßen zu finden. Stefan Radl vom Institut für Prozess- und Partikeltechnik der TU Graz hat gemeinsam mit der „Strömungsmechanik-Koryphäe“ Howard Stone von der University of Princeton und Daniele Vigolo von der ETH Zürich erstmals beobachtet, dass Partikel unter bestimmten Voraussetzungen in den T-Abzweigern „gefangen“ werden und sich ansammeln. „Wie so oft in der Forschung war die Beobachtung ein Zufall – wir hatten eigentlich einen anderen Aspekt der Partikelströmung im Fokus“, erklärt Stefan Radl. Die drei Forscher haben daraufhin in Simulationen und praktischen Experimenten untersucht, wann und warum die Partikel an der T-förmigen Weggabelung hängen bleiben. „Drei Faktoren spielen eine Rolle: die Strömungsgeschwindigkeit, die Partikeldichte und die Partikelgröße. Für alle drei Parameter konnten wir Grenzwerte theoretisch ableiten, und mit experimentellen Daten hinterlegen“, so Radl.

Partikel gezielt durchlassen oder „einfangen“

Das beobachtete Phänomen gilt als grundlegender Puzzlestein in der klassischen Strömungsmechanik und wurde vom angesehenen Fachjournal PNAS in der aktuellen Ausgabe publiziert. Mit den drei beschriebenen Parametern, die für das Durchkommen oder Hängenbleiben von Partikeln in T-Abzweigern ausschlaggebend sind, könnten sich Partikelansammlungen künftig gezielt vermeiden lassen. Praktisches Beispiel aus der Medizin: die Gasembolie. „Kommt ein Taucher zu schnell an die Wasseroberfläche, können sich Gasbläschen an den Abzweigungen im Blutgefäß ansammeln, es verstopfen und so zum Tod führen. Auch Gasbläschen verhalten sich wie Partikel, und mit unseren Beobachtungen lässt sich die Entstehung des Gasembolismus und die Vermeidung desselben nun besser erklären“, erläutert Stefan Radl. Aber nicht nur das: „In anderen Fällen kann es wünschenswert sein, bestimmte Partikel gezielt aufzuhalten und aus einer Flüssigkeit herauszutrennen, beispielsweise in der Papierindustrie“, führt Radl weiter aus. Im Rahmen des FFG-Projekts „FLIPPR – Future Lignin and Pulp Processing Research” untersuchen Forscher vom Institut für Papier-, Zellstoff- und Fasertechnik und vom Institut für Prozess- und Partikeltechnik der TU Graz, gemeinsam mit Kollegen der Uni Graz und der BOKU, die Möglichkeiten der gezielten Partikelseparierung. Auch namhafte Partner aus der Papierindustrie unterstützen FLIPPR, und hoffen auf eine baldige Umsetzung der Forschungsergebnisse von Stefan Radl.

Die nächsten Schritte

Bislang haben die Forscher die Experimente zur Partikelströmung in T-Abzweigern in kleinem Maßstab durchgeführt, wo die Erdanziehungskraft noch keine Rolle spielt. „Nun gilt es, die Untersuchungen auf den nächsten Level zu heben und im größeren Maßstab zu wiederholen. In Zukunft wollen wir untersuchen, ob weitere Parameter das Strömungsverhalten der Partikel in Industrieanlagen beeinflussen“, gibt Stefan Radl einen Ausblick.

Originalpublikation:
Daniele Vigolo, Stefan Radl, Howard A. Stone: Unexpected trapping of particles at a T junction. PNAS Early Edition, March 2014.

Externer Link: www.tugraz.at

Neue Gene für bipolare Störung entdeckt

Medienmitteilung der Universität Basel vom 12.03.2014

Erst himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübt – so stellen sich die extremen Stimmungswechsel für Menschen mit einer bipolaren Störung dar. Unter Leitung von Wissenschaftlern aus Bonn, Mannheim und Basel hat ein internationales Forscherteam zwei neue Genregionen identifiziert, die mit der verbreiteten manisch-depressiven Erkrankung zusammenhängen. Darüber hinaus konnten die Forscher drei weitere Verdachtsgene bestätigen. Sie nutzten in der weltweit einmaligen Studie Patientenzahlen in bisher nicht gekannten Umfang. Die Ergebnisse sind jetzt im renommierten Fachjournal «Nature Communications» veröffentlicht.

Rund ein Prozent der Bevölkerung erkrankt im Laufe seines Lebens an einer bipolaren Störung, die auch als manisch-depressive Krankheit bekannt ist. Die Patienten durchlaufen eine wahre Achterbahn der Emotionen: Im extremen Wechsel erleben sie manische Phasen mit Grössenwahn, gesteigertem Antrieb und vermindertem Schlafbedürfnis sowie depressive Episoden mit stark gedrückter Stimmung bis hin zu Suizidgedanken.

Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht vollständig verstanden, jedoch haben über psychosoziale Auslöser hinaus genetische Faktoren einen grossen Anteil. «Für die Ausprägung einer bipolaren Störung hat nicht ein einzelnes Gen einen starken Effekt, sondern es sind offenbar sehr viele verschiedene Gene beteiligt, die mit Umweltfaktoren auf komplexe Weise zusammenwirken», sagt Prof. Sven Cichon, Direktor der Abteilung Medizinische Genetik am Universitätsspital Basel.

Erbgut-Daten von rund 24’000 Menschen

In den vergangenen Jahren war es den Wissenschaftlern bereits gelungen, mehrere Gene zu entschlüsseln, die mit der bipolaren Störung in Zusammenhang gebracht werden. Bei der Suche nach weiteren genetischen Risikoregionen nutzten die Forscher um Prof. Markus M. Nöthen vom Universitätsklinikum Bonn, Prof. Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim und Prof. Sven Cichon vom Universitätsspital Basel nun in einer internationalen Forschungskollaboration Patientenzahlen in bisher nicht gekannten Umfang: Es wurden neue Erbgut-Daten von 2’266 Patienten mit manisch-depressiver Erkrankung und 5’028 Kontrollpersonen gewonnen, mit bestehenden Datensätzen zusammengefügt und gemeinsam analysiert. Insgesamt wurden Daten über das Erbgut von 9’747 Patienten mit Daten von 14’278 gesunden Menschen verglichen.

Die Fahndung nach Genen, die an der manisch-depressiven Erkrankung beteiligt sind, gleicht einer Suche im Heuhaufen. «Die Beiträge einzelner Gene sind so gering, dass sie normalerweise im Grundrauschen genetischer Unterschiede nicht zu erkennen sind», erklärt Sven Cichon, Professor für Medizinische Genetik an der Universität Basel. «Erst wenn die DNA von extrem vielen Patienten mit bipolarer Störung gegen das Erbgut von einer ebenfalls sehr grossen Zahl an gesunden Menschen abgeglichen wird, schälen sich Unterschiede statistisch abgesichert heraus».

Zwei neue Genregionen entdeckt und drei bekannte bestätigt

Die Forscher erfassten mit automatisierten Analyseverfahren im Erbgut der Patienten und Vergleichspersonen jeweils rund 2,3 Millionen verschiedene genetische Marker. Die anschliessende Auswertung mit biostatistischen Methoden ergab insgesamt fünf Risikoregionen auf der DNA, die mit der bipolaren Störung in Zusammenhang stehen. Davon wurden zwei neu entdeckt: Das Gen «ADCY2» auf Chromosom fünf und die sogenannte «MIR2113-POU3F2»-Region auf Chromosom sechs. Drei bereits bekannte Risikoregionen «ANK3», «ODZ4» und «TRANK1» wurden bereits in vorangegangenen Studien beschrieben. «Diese Genregionen, die mit der bipolaren Störung zusammenhängen, wurden durch die aktuelle Untersuchung statistisch besser abgesichert», sagt die Psychiaterin Prof. Marcella Rietschel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Besonders interessieren sich die Forscher nun für die neu entdeckte Genregion «ADCY2». Sie codiert ein Enzym, das an der Weiterleitung von Signalen in Nervenzellen hinein beteiligt ist. «Das passt sehr gut zu Beobachtungen, dass bei Patienten mit bipolarer Störung die Signalübertragung in bestimmten Regionen des Gehirns beeinträchtigt ist», erklärt der Bonner Humangenetiker Prof. Markus Nöthen. Die Wissenschaftler klären mit ihrer Fahndung nach genetischen Regionen die biologischen Grundlagen der manisch-depressiven Krankheit Schritt für Schritt auf, dies mit dem Ziel, Ansatzpunkte für neue Therapien zu identifizieren.

Originalbeitrag:
Mühleisen, Leber, Schulze et al.
Genome-wide association study reveals two new risk loci for bipolar disorder
Nature Communications | DOI: 10.1038/ncomms4339

Externer Link: www.unibas.ch

Atomar dünne Solarzellen

Presseaussendung der TU Wien vom 10.03.2014

Ultradünne Schichten aus Wolfram und Selen wurden an der TU Wien hergestellt. Messungen zeigen, dass sie als semi-transparente, flexible Solarzellen eingesetzt werden können.

Dünner geht es wirklich nicht mehr: Nur aus einer einzigen Atomlage besteht das Kohlenstoff-Material Graphen, das ganz besondere elektronische Eigenschaften aufweist. Nun zeigt sich, dass auch andere Materialien, wenn man sie in einer einzelnen oder in ganz wenigen Atomschichten anordnet, aufregende neue technologische Möglichkeiten eröffnen. An der TU Wien konnte nun erstmals eine Diode aus Wolframdiselenid hergestellt werden. Experimente zeigen, dass dieses Material geeignet ist, um hauchdünne, biegsame Solarzellen anzufertigen. Sogar biegsame Displays sollen möglich werden.

Ganz neue Materialeigenschaften bei dünnen Schichten

Spätestens seit 2010 der Physik-Nobelpreis für die Herstellung von Graphen vergeben wurde, galten die „zweidimensionalen Kristalle“ aus Kohlenstoffatomen als große Zukunftshoffnung der Materialforschung. Im Jahr 2013 wurde die Graphen-Forschung von der EU als Flaggschiff-Projekt ausgewählt und mit einer Milliarde Euro gefördert. Graphen hält enormen mechanischen Kräften stand und es hat wunderbare elektro-optische Eigenschaften: Mit Graphen als Lichtdetektor kann man in winzigen Sekundenbruchteilen optische Signale in elektrische Signale umwandeln.

Eine wichtige, damit eng verwandte Anforderung kann Graphen allerdings nicht erfüllen: Es ist nicht als Solarzelle verwendbar. „Die elektronischen Zustände in Graphen sind für den Einsatz als Solarzelle nicht besonders gut geeignet“, erklärt Thomas Müller vom Institut für Photonik der TU Wien. Er begann mit seinem Team daher, andere Materialien zu untersuchen, aus denen sich ähnlich wie Graphen ultradünne Schichten aus nur einer oder aus wenigen Atomlagen herstellen lassen, die aber noch bessere elektronische Eigenschaften aufweisen.

Die Wahl fiel auf Wolframdiselenid: Es besteht aus einer Schicht Wolfram-Atome, die oberhalb und unterhalb mit Selen-Atomen verbunden sind. Das Material absorbiert Licht, ähnlich wie Graphen – in Wolframdiselenid lässt sich damit allerdings elektrische Leistung generieren.

Die dünnsten Solarzellen der Welt

Weil die Schicht so extrem dünn ist, lässt sie 95% des Lichts durch, doch von den verbleibenden fünf Prozent an Lichtleistung, die vom Material absorbiert wird, kann ein Zehntel in elektrische Leistung umgewandelt werden. Der interne Wirkungsgrad des Materials ist somit relativ hoch. Will man einen größeren Anteil des einfallenden Lichtes nutzen, könnte man mehrere dieser ultradünnen Schichten übereinanderpacken – doch die hohe Transparenz ist manchmal durchaus gewünscht: „Wir können uns etwa Solarzellen-Schichten auf Glasfassaden vorstellen, die das meiste Licht ins Gebäude lassen und trotzdem Elektrizität generieren“, meint Thomas Müller.

Herkömmliche Solarzellen sind heute meist aus Silizium, sie sind relativ dick und unflexibel. Auch organische Materialien werden für opto-elektronische Anwendungen eingesetzt, doch sie altern schnell. „Ein großer Vorteil der zweidimensionalen Strukturen aus einzelnen Atomlagen ist, dass sie kristallin sind. Kristallstrukturen verleihen Stabilität“, erklärt Thomas Müller.

Die Wolframdiselenid-Schicht kann nicht nur Sonnenlicht in Strom umwandeln, sie kann auch umgekehrt mit Hilfe von Stromzufuhr zum Leuchten gebracht werden. „Wir erhoffen uns damit eines Tages dünne, flexible Displays, oder auch großflächig-diffuse Raumbeleuchtung“, sagt Thomas Müller.

International kompetitives Feld

Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten an der TU Wien wurden nun im renommierten Fachjournal „Nature Nanotechnology“ veröffentlicht. Wie kompetitiv die Forschung in diesem Bereich ist, zeigt sich daran, dass in der selben Ausgabe des Journals auch noch zwei andere Beiträge veröffentlicht wurden, in denen ganz ähnliche Ergebnisse präsentiert werden: Auch am MIT (Cambridge, USA) und der University of Washington (Seattle, USA) hat man das Potenzial von Wolframdiselenid erkannt und kam zeitgleich zu analogen Ergebnissen. Kein Zweifel: So wie die Graphen-Forschung heute an vielen Forschungsinstituten auf der ganzen Welt ihren festen Platz hat, werden auch Materialien wie Wolframdiselenid in der Materialwissenschaft weltweit eine wichtige Rolle spielen. (Florian Aigner)

Externer Link: www.tuwien.ac.at

Klinisch erprobter Wirkstoff überwindet in Zellkultur Resistenz gegen mögliche neue Tumortherapie

Pressemitteilung der Universität des Saarlandes vom 26.02.2014

Molekularbiologen der Saar-Universität haben im Labor eine Strategie entwickelt, um bei einem neuen Therapieansatz für Prostatakarzinompatienten Resistenzen zu überwinden und möglicherweise auch die Zellmigration, also die Wanderung von Krebszellen, zu unterdrücken. Die neue Therapie, an der weltweit mehrere Arbeitsgruppen forschen, greift in den Kalziumhaushalt der Krebszellen ein, um sie abzutöten. Bei etwa der Hälfte aller untersuchten Prostatatumoren konnte das Forscherteam um Professor Richard Zimmermann und Dr. Markus Greiner jedoch einen Resistenzmechanismus in den Zellen nachweisen, der ein Hindernis für die neue Therapie darstellen könnte. Die Molekularbiologen fanden heraus, dass eine erhöhte Konzentration des Proteins Sec62 Ursache dieser Resistenz ist. Ihre Laborergebnisse in Zelllinien deuten darauf hin, dass ein Wirkstoff, der früher gegen psychische Störungen eingesetzt wurde, der Resistenz entgegenwirken und außerdem die Zellmigration unterbinden kann. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in der Fachzeitschrift BMC Cancer.

Gegen das Prostatakarzinom, die häufigste bösartige Erkrankung des Mannes, wird derzeit ein neuer Therapieansatz erforscht. US-Wissenschaftler haben in den letzten Jahren so genannte Thapsigargin-Analoga entwickelt, die gezielt Krebszellen abtöten, indem sie die Kalziumspeicher in diesen Zellen entleeren. Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Saar-Universität in Homburg konnten jedoch in aktuellen Forschungsarbeiten zeigen, dass bei etwa der Hälfte der Prostatakarzinompatienten die Tumorzellen einen Resistenzmechanismus gegen eine solche Therapie aufweisen. „Dieser Resistenzmechanismus ist auf eine erhöhte Konzentration des Proteins Sec62 zurückzuführen“, erläutert Professor Richard Zimmermann. Der hohe Sec62-Gehalt bewirkt in der Zelle, dass das Protein „Calmodulin“ die Kanäle verschließt, aus denen das Kalzium aus dem Kalziumspeicher, dem so genannten endoplasmatischen Retikulum, ausströmen soll. „Das ist der Grund dafür, dass Tumorzellen mit erhöhtem Sec62-Gehalt resistenter gegenüber der Therapie mit Thapsigargin-Analoga sind“, erläutert Zimmermann.

Zimmermanns Arbeitsgruppe am Institut für Medizinische Biochemie und Molekularbiologie hat im Labor mit Hilfe von Zellkulturen hierfür möglicherweise eine Lösung gefunden, die jetzt im Fachblatt BMC Cancer veröffentlicht wurde. „Wir konnten in Tumorzelllinien nachweisen, dass dieser Nachteil mithilfe der Substanz Trifluoperazin, kurz TFP, aufgehoben werden kann. Dieser Wirkstoff wurde bereits als Neuroleptikum unter dem Markennamen Jatroneural® gegen psychische Störungen eingesetzt“, sagt Dr. Markus Greiner, Forscher in der Arbeitsgruppe von Professor Zimmermann. „TFP bindet direkt an das Protein Calmodulin an und verhindert, dass es die Kanäle verschließt“, erklärt Greiner.

Sec62 erwies sich nicht nur beim Prostata-, sondern auch beim Schilddrüsen- und Lungenkarzinom als wichtiger Tumormarker, also als Substanz, die in Tumorzellen in erhöhter Konzentration auftritt. Die Homburger Forscher bringen das Protein mit einer aggressiveren Erkrankung und somit einer schlechteren Prognose in Verbindung. Auch bei Tumoren, die bereits Metastasen gebildet hatten, fanden sie einen erhöhten Sec62-Gehalt. „Kalzium ist ein wichtiges Signalmolekül für die Wanderung von Zellen, die so genannte Zellmigration, die Voraussetzung für die Bildung von Metastasen ist“, sagt Markus Greiner. Das Kalzium sorgt in der Zelle dafür, dass diese ihre Bewegungsrichtung erkennen kann. Werden die Tumorzellen mit TFP behandelt, leert sich der Kalziumspeicher, die Zelle verliert sozusagen die Orientierung. „Dies führt zu einem fast vollständigen Stopp der Zellmigration“, erklärt der Molekularbiologe.

„Wir schlagen eine kombinierte Behandlung mit TFP und Thapsigargin-Analoga vor. Diese könnte in Zukunft eine mögliche Therapieoption für viele Patienten sein, deren Tumor ansonsten aufgrund des hohen Sec62-Gehalts nicht mit Thapsigargin therapierbar wäre“, erläutert er. Ihre Ergebnisse werden die Homburger Forscher in den nächsten Jahren in weiteren Studien im Labor überprüfen, bevor an eine klinische Erprobung gedacht werden kann.

Originalveröffentlichung:
Linxweiler M., Schorr S., Schäuble N., Jung M., Linxweiler J., Langer F., Schäfers H.-J., Cavaliè A., Zimmermann R., and Greiner M.: Targeting cell migration and Endoplasmic Reticulum stress response with calmodulin antagonists: Mimicking Sec62-depletion phenotypes by small molecule treatment, BMC Cancer, 2013, 13:574; doi: 10.1186/1471-2407-13-574

Externer Link: www.uni-saarland.de