Ein Transistor für alle Fälle

Presseinformation der LMU München vom 19.03.2019

Ob Handy, Kühlschrank oder Flugzeug: Transistoren sind überall verbaut. LMU-Physiker haben jetzt einen nanoskopisch kleinen Transistor aus organischem Halbleitermaterial entwickelt, der sowohl bei niedrigem als auch hohem Strom bestens funktioniert.

Transistoren sind Halbleiter-Bauelemente, die in elektrischen Schaltungen Spannungen und Ströme steuern. Im gleichen Maße wie viele elektrische Geräte immer leistungsfähiger und gleichzeitig kleiner werden, gilt dies auch für Transistoren. Bei anorganischen Bauelementen sind Abmessungen unter 100 Nanometer bereits Standard.

Organische Halbleiter können hier noch nicht mithalten, denn ihre Leistung bezüglich des Ladungstransports ist deutlich geringer. Doch ihre Strukturen bieten andere Vorteile. Sie lassen sich großindustriell drucken, die Materialkosten sind niedrig und sie können transparent auf flexible Oberflächen wie Folien aufgebracht werden. Daher arbeiten Thomas Weitz, Professor für Physik an der LMU und Mitglied in der Nanosystems Initiative Munich, und seine Gruppe an der Optimierung der organischen Transistoren. In ihrer aktuellen Publikation in Nature Nanotechnology präsentieren sie Transistoren, die durch ihren ungewöhnlichen Aufbau sehr klein, leistungsstark und anpassungsfähig sind. Über wenige Parameter lässt sich beispielsweise bei der Herstellung steuern, ob der Halbleiter für hohe oder niedrige Stromdichten optimiert sein soll. Das Besondere ist eine untypische Geometrie, die es zudem erlaubt, die nanoskopisch kleinen Transistoren leichter herzustellen.

„Unser Ziel war es, Bauteile zu entwickeln, die zwei Aufgaben kombinieren“, sagt Thomas Weitz „Einerseits die Fähigkeit, bei hohen Strömen als klassische Transistoren zu fungieren, und andererseits bei Niedrigstrom arbeiten zu können.“ Potenzielle Einsatzgebiete sind organische LEDs oder Sensoren, denn hier werden niedrige Spannungen, hohe Ströme oder große Transkonduktanzen benötigt. Besonders interessant könnte die Verwendung in sogenannten memristiven Elementen sein. „Man kann sich einen Memristor als ein Element vorstellen, das sich beim Verarbeiten elektrischer Signale wie ein Netzwerk von Neuronen verhält und seine Eigenschaften abhängig von dem Zustand, in dem es sich befindet, verändert“, erklärt Weitz. „Durch das genaue Anpassen der Geometrie unserer memristiven Elemente können diese für verschiedene Anwendungen wie beispielsweise Lernprozesse in künstlichen Synapsen eingesetzt werden.“

Die Forscher haben ihren Transistor bereits zum Patent angemeldet, damit er für die industrielle Anwendung weiterentwickelt werden kann.

Externer Link: www.uni-muenchen.de

Atemgift wird zum antibiotischen Stoff: Kasseler Chemiker wandeln Kohlenmonoxid in Nutzstoff um

Pressemitteilung der Universität Kassel vom 13.03.2019

Chemikerinnen und Chemikern der Uni Kassel ist es gelungen, Kohlenmonoxid in Stoffe umzuwandeln, die als Grundlage für zukünftige Antibiotika dienen können. Das Atemgift könnte so leichter medizinisch nutzbar gemacht werden. Kohlenmonoxid ist ein giftiges Gas, das bei der Verbrennung kohlenstoffhaltiger Materie entsteht. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Kohlenmonoxid ist als tödliches Atemgift bekannt. Zugleich ist es aber auch ein wichtiger Baustein für die chemische Industrie. Kohlenmonoxid ist die Grundlage für zahlreiche medizinische und andere Produkte. „Will man es als sogenannten Synthesebaustein nutzen, um Produkte herzustellen, muss man üblicherweise harsche Methoden anwenden“, sagt Prof. Dr. Ulrich Siemeling vom Fachgebiet Metallorganische Chemie der Uni Kassel. „Also hohen Druck und hohe Temperatur.“ Oder man müsse seltene und giftige Schwermetalle nutzen, so der Chemiker. Das Kohlenmonoxid-Molekül (CO) werde von der stärksten bekannten chemischen Bindung zusammengehalten und sei daher reaktionsträge.

Das Forscherteam der Uni Kassel hat herausgefunden, dass Kohlenmonoxid auch unter einfachen Bedingungen nutzbar gemacht werden kann. „Es kommt nur auf den Reaktionspartner an!“, sagt Prof. Siemeling. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verwendeten sogenannte „acyclische Diaminocarbene“ für diesen Zweck. Diese Carbene reagierten problemlos mit Kohlenmonoxid und machten es nutzbar. Ganz ohne Schwermetalle.

„Wir haben die Tür für die Suche nach zukünftigen Antibiotika geöffnet.“

Carbene sind Verbindungen des zweiwertigen Kohlenstoffs. Kohlenstoff verfügt über vier Bindungselektronen und ist daher in der Regel vierwertig und vierbindig. Bei Carbenen ist das anders: Hier sind zwei der vier Bindungselektronen ungenutzt. Daher sind Carbene besonders reaktiv und häufig nicht in Substanz isolierbar. Unter den Carbenen befand sich auch ein von den Forschern eigens entwickelter neuer Vertreter mit besonders vorteilhaften Eigenschaften: hoch reaktiv gegenüber CO, zugleich aber besonders wärmebeständig und somit bequem handhabbar.

„Die Produkte der Reaktion von Kohlenmonoxid mit den vom Kasseler Forscherteam verwendeten Carbenen gehören einer Substanzklasse an, aus der sich viele wichtige Antibiotika rekrutieren“, so Siemeling. Die synthetisierten Stoffe zeigten eine antibakterielle Wirkung, ähnlich wie Antibiotika. „Die von uns bisher synthetisierten Stoffe sind für medizinische Zwecke leider nicht geeignet. Aber mit unserer neuen Synthesemethode haben wir für diejenigen eine Tür geöffnet, die sich der Suche nach zukünftigen Antibiotika widmen.“ Gegen viele Antibiotika gebe es heute bereits Resistenzen. Ihre Wirkung werde schwächer. „Unsere Forschung könnte neue Antibiotika ermöglichen, die wirkungsvoller sind als etablierte, die angesichts zunehmender Resistenzen eine stumpfe Waffe zu werden drohen“, sagt der Kasseler Chemiker. „In einem Rutsch vom tödlichen Atemgift zum Antibiotikum – so könnte man die Studie also plakativ zusammenfassen.“

Das Projekt wurde gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Bochum und Frankfurt durchgeführt und mit 528.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Veröffentlichung:
in „Chemistry – A European Journal“

Externer Link: www.uni-kassel.de

Für neue Diagnoseverfahren: Physiker erzielen Messrekord für extrem schwache magnetische Signale

Pressemitteilung der Universität des Saarlandes vom 11.03.2019

Herzsignale oder Hirnströme berührungsfrei messen, Erze oder archäologische Funde tief in der Erde entdecken: Physiker der Universität des Saarlandes stellen mit Magnetfeldsensoren einen Empfindlichkeits-Rekord auf, der neue Messverfahren ermöglicht. In normaler Umgebung – ohne Vakuum, tiefe Temperaturen oder Abschirmung – spüren Professor Uwe Hartmann und sein Team sehr schwache magnetische Signale auf, und das trotz Störquellen auch über größere Distanzen: Es genügt eine Signalstärke von weit weniger als einem Milliardstel Tesla, etwa eine Million Mal kleiner als das Erdmagnetfeld. Biomagnetische Signale des menschlichen Körpers lassen sich so ebenso messen wie geophysikalische Phänomene.

Die Physiker suchen auf der Hannover Messe vom 1. bis 5. April Partner, um die Messmethoden weiterzuentwickeln: in Halle 2 am Forschungsstand B46.

Wollen Ärzte heute das Herz ihres Patienten darauf untersuchen, ob es stolpert oder flimmert, müssen sie erst Elektroden auf Brust, Handgelenke und Fußknöchel kleben. Gleiches gilt für die elektrische Aktivität des Gehirns: Erst muss verkabelt werden, dann lassen sich die Hirnströme messen. Wenn es schnell gehen muss, verlieren Helfer dadurch wertvolle Zeit. Einfacher wären Geräte, die ähnlich wie ein Metallsucher über Körper oder Kopf gehalten werden und trotzdem zuverlässige Werte liefern. Bislang scheitern derart berührungsfreie medizinische Diagnoseverfahren daran, dass sie wenig alltagsstauglich sind. Hinreichend empfindliche Messsensoren, die biomagnetische Körpersignale messen können, brauchen heute extreme Bedingungen: Sie müssen gegen Störungen von außen stark abgeschirmt, bei unpraktischen Temperaturen von unter 200 Minus-Graden gekühlt oder im Vakuum betrieben werden.

Jetzt haben der Experimentalphysiker Professor Uwe Hartmann und sein Forscherteam an der Universität des Saarlandes ihre Magnetfeldsensoren so weiterentwickelt, dass sie ohne solche Weltraumbedingungen in normaler Umgebung sehr schwache Signale erfassen können – wie etwa die vielfältigen Körperfunktionen, die sich durch Magnetfelder äußern. „Verglichen mit bekannten Maßstäben entspricht unsere Messung dem Auffinden eines Sandkorns im Gebirge: Wir können über verhältnismäßig große Distanzen Magnetfelder messen, die annähernd eine Million Mal kleiner sind als das Erdmagnetfeld – etwa einige Picotesla, 10 hoch -12“, erklärt Uwe Hartmann. Bislang erfassen Sensoren unter normalen Bedingungen nur Magnetfelder, die etwa tausend Mal kleiner sind als das Erdmagnetfeld.

Die eigentliche Herausforderung lag weniger im kaum messbar kleinen Signal selbst. „Das Hauptproblem ist, diese Signale in einer gewöhnlichen Umgebung aus einer Vielzahl von Störsignalen sauber herauszulesen“, sagt Hartmann. Denn alles Mögliche verrauscht, überlagert und verfälscht das Messsignal, das eigentlich interessiert – angefangen vom Erdmagnetfeld über Elektrogeräte, vorbeifahrende Autos bis hin zu Signalen anderer Organe oder gar Sonnenstürme. Hartmanns Arbeitsgruppe forscht seit Jahren an den Magnetfeldsensoren und entwickelt diese für verschiedenste Anwendungen beständig weiter. „Wir haben unsere Sensoren in den vergangenen Jahren kontinuierlich sensibler und selektiver gemacht. Durch diese fortwährende Weiterentwicklung der Sensoren, ihres Materials und vor allem auch der Software zur Datenverarbeitung wurde die jetzt erreichte Empfindlichkeit möglich“, erläutert er.

Hartmann und sein Team haben in verschiedenen Projekten daran gearbeitet, aus Messsignalen Störungen herauszufiltern. So haben die Forscher ein Sensor-Kabel entwickelt, in dem Magnetfeldsensoren miteinander verbunden und vernetzt sind. Verschiedene solcher Systeme sind bereits als Verkehrsleitsysteme zum Beispiel an Flughäfen testweise im Einsatz. Um das Sensorsystem auch zur Überwachung an Zaunanlagen einsetzen zu können, haben die Forscher in vielen Versuchsreihen etliche Arten von Änderungen des Magnetfeldes simuliert und den jeweiligen Ursachen zugeordnet – etwa von Erschütterungen an Zäunen. Je nach Art der Störung unterscheiden sich die Signalmuster, die die Sensoren messen. Die Physiker haben die Datenmuster mathematisch modelliert, in Algorithmen übersetzt und die Auswerteeinheit immer detailreicher programmiert und verfeinert. „Mit diesen Informationen haben wir das System angelernt und immer weiter ausgebaut. Es erkennt typische Muster, ordnet sie selbstständig Störungen zu. Wir können Messwerte und Signalmuster inzwischen sehr genau ihren Ursachen zuordnen“, erläutert Hartmann.

Noch handelt es sich um ein Ergebnis der Grundlagenforschung. Die möglichen Anwendungsfelder der hoch empfindlichen Magnetfeldsensoren sind jedoch vielfältig: Sie können in der Medizin Einsatz finden und in Kardiologie oder Neurologie Ergänzung zu EKG (Elektrokardiographie) oder EEG (Elektroenzephalographie) sein. Auch können sie bei geophysikalischen Untersuchungen helfen, Erdöl, Erze oder archäologische Funde aufzuspüren.

Externer Link: www.uni-saarland.de

Weiteres Puzzlestück im Selbstreinigungsprozess der Zelle entdeckt

Pressemeldung der Universität Wien vom 07.03.2019

Zellen befinden sich in einem ständigen Prozess der Erneuerung und Säuberung, mithilfe dessen sie zellulären Müll entsorgen. Die so genannte Autophagie stellt sicher, dass der gesamte Organismus gesund bleibt. Dabei sind verschiedenste Akteure in der Zelle involviert, was eine perfekte Kommunikation voraussetzt. Ein internationales Team unter der Leitung von Sascha Martens, Gruppenleiter an den Max F. Perutz Laboratories, unter Beteiligung von ForscherInnen des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin und der Universität von Berkeley, beschreiben nun erstmals wie zwei wesentliche Akteure der Autophagie kommunizieren und somit das korrekte Funktionieren der Zellreinigung sicherstellen.

Neben anderen Faktoren spielen vor allem die Proteine p62 und FIP200 eine wichtige Rolle. FIP200 hilft der Zelle das Autophagosom zu bilden, eine Art Müllsack, in dem zellulärer Abfall eingeschlossen wird. Das Protein p62 sammelt und bereitet das nicht benötigte Material vor, sodass sich das Autophagosom um den Abfall bilden kann. Bisher war eine Verbindung der beiden Proteine unbekannt. Die ForscherInnen haben nun entdeckt, wie die zwei Akteure auf molekularer Ebene miteinander kommunizieren. Eine Störung dieser Kommunikation beeinträchtigt auch den weiteren Prozess der Autophagie. Mit Strukturanalysen konnte das Team auch zeigen, dass Teile des Proteins FIP200 wie eine „Kralle“ geformt sind. Ähnlich wie ein Arbeiter einen Müllsack greifen würde, interagiert diese „Kralle“ mit p62 und dem angesammelten Zellmaterial.

Erstautorin Eleonara Turco beschreibt den Forschungsansatz im Detail: „Mit verschiedensten Techniken der Biochemie, Strukturbiologie und Zellbiologie konnten wir die Interaktion zwischen p62 und FIP200 aufzeigen. Wir haben entdeckt, dass p62 nicht nur zellulären Müll erkennt und vorbereitet, sondern durch die Interaktion mit FIP200 die Maschinerie der Autophagie in Gang setzt, die zur Ausbildung des Autophagosoms und damit dem Abbau des Materials führt.“

„Zusammen mit unseren Kollegen konnten wir zeigen, dass die FIP200 ‚Kralle‘ eine Tasche besitzt, die sich mit Teilen von p62 verbindet. Damit ist eine lange gesuchte Verbindung zwischen der Sammlung des Materials und dem Abbau durch Autophagie entdeckt“, fasst Sascha Martens die Bedeutung der Ergebnisse zusammen.

Störungen in der Autophagie beim Menschen führen zu verschiedensten Krankheiten, da sich fehlerhafte Proteine und anderes gefährliches Material in der Zelle ansammeln. Mutationen im Protein p62 verursachen unter anderem neurodegenerative Erkrankungen. Ein besseres Verständnis der Prozesse hinter Autophagie kann daher langfristig auch helfen die Entstehung bestimmter Erkrankungen beim Menschen zu verstehen.

Publikation:
Molecular Cell
FIP200 Claw Domain Binding to p62 Promotes Autophagosome Formation at Ubiquitin Condensates. Eleanora Turco, Marie Witt, Christine Abert, Tobias Bock-Bierbaum, Ming-Yuan Su, Riccardo Trapannone, Martin Sztacho, Alberto Danieli, Xiaoshan Shi, Gabriele Zaffagnini Annamaria Gamper, Martina Schuschnig, Dorotea Fracchiolla, Daniel Bernklau, Julia Romanov, Markus Hartl, James H. Hurley, Oliver Daumke, Sascha Martens.
DOI: 10.1016/j.molcel.2019.01.035

Externer Link: www.univie.ac.at