Wie die Wirtszelle HIV den Weg bereitet

Presseinformation der LMU München vom 11.03.2011

Zelluläres Enzym wird vor viraler Freisetzung aktiv

Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) – der Erreger der Immunschwächekrankheit AIDS – dringt in menschliche Immunzellen ein und lässt sie neue Virionen produzieren, die dann selbst neue Zellen befallen. Ein Team um den LMU-Forscher Professor Don C. Lamb und Privatdozentin Barbara Müller vom Universitätsklinikum Heidelberg hat nun die Beteiligung bestimmter zellulärer Komponenten an der Freisetzung der Virionen analysiert und festgestellt, dass das Enzym VPS4A dabei eine aktivere Rolle spielt als bisher angenommen. Dieses Molekül war bisher nur als Akteur nach der Abschnürung der Viruspartikel aufgefallen. Dank hoch entwickelter Mikroskopietechnik konnten die Forscher nun aber nachweisen, dass mehrere Komplexe aus jeweils einem Dutzend VPS4A-Molekülen an der Stelle der Zellmembran aktiv wird, an der kurz darauf ein neu synthetisiertes Virion freigesetzt wird. „Wir können so erstmals im Detail zeigen, wie zelluläre Proteine mit HIV in der Zelle interagieren, damit neue Viren entstehen. Letztendlich ist es unser Ziel, den gesamten Lebenszyklus von HIV zu beleuchten“, sagt Lamb. „Mit unseren Methoden können wir zudem den Effekt von Therapeutika in der Zelle beobachten, um sie möglicherweise zu verbessern oder um neue Wirkstoffe zu entwickeln.“ (Nature Cell Biology online, 10. März 2011)

Viren sind Freibeuter: Sie schleusen ihr Erbgut in Wirtszellen ein und programmieren diese so um, dass der zelluläre Stoffwechsel neue Viren synthetisiert. Für seine Freisetzung aus den befallenen menschlichen Immunzellen benutzt HIV auch zelluläre Komponenten. Der sogenannte ESCRT-Komplex etwa spielt in der Zelle eine wichtige Rolle bei der Beladung und Abschnürung zellulärer Transportvesikel. HIV nutzt ESCRT, um beim Austritt des Virions die Verbindung zwischen Virushülle und Zelloberfläche zu kappen. VPS4A ist Teil der ESCRT-Maschinerie und war bisher für seine Rolle beim Recycling des Komplexes bekannt: das Enzym sorgt dafür, dass Komponenten des ESCRT-Komplexes nach erfolgtem Einsatz wieder freigesetzt und an anderer Stelle verwendet werden können.

Ohne VPS4A kommt es aber gar nicht erst zur Abschnürung, wie sich jetzt zeigte: Die Forscher markierten das Enzym mit dem grün fluoreszierenden Protein GFP. Dieser biologische Marker ist im Mikroskop sichtbar und verrät so auch den Aufenthaltsort des Moleküls, an den er gebunden ist. So zeigten kleine fluoreszierende Lichtblitze an, dass sich mehrere VPS4A-Enzyme zu einem größeren Komplex zusammenschlossen. „In diesem Fall konnten wir sogar zählen, wie viele Enzymmoleküle in einem bestimmten Zeitraum interagieren“, sagt Müller.

Komplexe aus etwa drei VPS4A Dodecameren werden für etwa eine Minute an der Virusknospe aktiv, was sich als fluoreszentes Blitzlichtgewitter im Mikroskop verfolgen ließ. Wo die Enzymkomplexe versammelt waren, trat dann kurz darauf das Virion aus. Weil die Freisetzung nicht unmittelbar auf die enzymatische Aktivität folgt, vermuten die Forscher noch einen weiteren zwischengeschalteten Prozess.

Dieser lässt sich möglicherweise in Nachfolgeprojekten aufklären. „Schließlich erlaubt uns unsere Methodik nun, den Zusammenbau einzelner Virionen zu betrachten. Für die Zukunft arbeiten wir an Methoden, mit denen wir den gesamten Lebenszyklus von HI-Viren aufklären können“, sagt Lamb. „Schon jetzt können wir auf Ebene eines einzelnen Virus einzelne Schritte in der Zelle verfolgen, etwa auch welche Moleküle interagieren und in welcher Geschwindigkeit. Damit steht uns offen, therapeutische Wirkstoffe zu markieren und dann ihre Effekte in der Zelle zu verfolgen: Medikamente könnten auf diesem Weg verbessert oder überhaupt erst entwickelt werden.“

Die Untersuchung entstand im Rahmen der Exzellenzcluster „Center for Integrated Protein Science Munich“ (CIPSM), Nanosystems Initiative Munich (NIM) und „CellNetworks“ Heidelberg. Außerdem wurden die Arbeiten im Rahmen des Schwerpunktprogrammes 1175 „Dynamik von zellulären Membranen und ihre Ausnutzung durch Viren“ von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. (göd)

Publikation:
„Dynamics of HIC budding site interactions with an ESCRT component visualized in live cells“;
V. Baumgärtel, S. Ivanchenko, A. Dupont, M. Sergeev, P.W. Wiseman, H.-G. Kräusslich, C. Bräuchle, B. Müller, D.C. Lamb;
Nature Cell Biology; doi: 10.1038/ncb2215

Externer Link: www.uni-muenchen.de

Polymerbürsten mit Minieiweißen schützen Implantate

Presseinformation des KIT (Karlsruher Institut für Technologie) vom 16.03.2011

KIT-Wissenschaftler haben zusammen mit Kollegen der University of British Columbia eine biokompatible Schutzschicht für Implantate entwickelt, die das Besiedeln mit Bakterien verhindert.

Infektionen an Implantaten sind gefürchtete Komplikationen bei medizinischen Eingriffen. Rund 2 bis 6 Prozent aller Patienten sind davon betroffen. Wissenschaftlern des KIT-Instituts für Funktionelle Grenzflächen (IFG) ist es gelungen, eine Schutzschicht zu entwickeln. Sie verhindert, dass Bakterien Implantate besiedeln und durch das Entstehen gefährlicher Biofilme schwerwiegende Infektionen auslösen. Im Tierversuch erwies sich die Schutzschicht als hochwirksam und zugleich als zellverträglich. Die Ergebnisse wurden in der Online-Ausgabe von „Biomaterials“ veröffentlicht.

In Zusammenarbeit mit Kollegen der University of British Columbia haben die IFG-Wissenschaftler zunächst in einem Screening-Verfahren Verbindungen darauf getestet, ob sie eine Infektion an einer Oberfläche abwehren können. Sie untersuchten anti-mikrobielle Peptide (AMPs), kleine Eiweiße, die aus einer kurzen Kette von Aminosäuren bestehen. Diese AMPs sind hochinteressant für die Infektionsbekämpfung, weil sie sowohl gramnegative als auch grampositive Bakterien, aber auch Pilze, Viren oder Parasiten abtöten können, also eine Breitbandwirkung haben.

In einem nächsten Schritt wurden Peptide mit antibiotischer Wirkung mittels Polymeren auf Implantat-Oberflächen fixiert. Das Konstrukt, das in der Form an eine Flaschenbürste erinnert, hat mehrere Vorteile: „Durch den Träger und seine besondere Form konnten wir die Konzentration an Peptiden erhöhen. Die Fixierung verhindert zugleich eine Diffusion der anti-mikrobiellen Peptide“, so Projektleiter Dr. Kai Hilpert.

Bereits jetzt gibt es Ansätze, Implantate mit anti-mikrobiellen Stoffen  zu tränken, um eine lokale Infektion zu verhindern. Dieses Verfahren erwies sich jedoch bis jetzt als wenig Erfolg versprechend wenn nicht gar als kontraproduktiv. „Durch die Diffusion der Antibiotika bildet sich ein Konzentrationsgradient, der die Resistenzbildung der Bakterien fördert“, erläutert Hilpert. Auch besteht bei dieser Methode die Gefahr der so genannten adaptiven Resistenz. „Durch den Gradienten können sich Bakterien früh auf den Wirkstoff einstellen und Abwehrstrategien aktivieren. Dadurch überleben sie eine höhere Konzentration des Antibiotikums“, so Hilpert.

Für die Infektionen sind Biofilme an den Implantaten verantwortlich. Sie entstehen, wenn sich Bakterien an dem Implantat festsetzen. „Die Bakterien entlassen bestimmte Substanzen, die ein Gerüst bilden, in dem Bakterien dreidimensional aufwachsen und sich innerhalb dieses Systems spezialisieren können“, so Hilpert. Biofilme sind um ein Vielfaches widerstandsfähiger gegenüber Antibiotika. Um Bakterien in Biofilmen abzutöten, müssen die Antibiotika-Konzentrationen bis um das 1000-fache erhöht werden. „Erstaunlicherweise verhindern in unserem Konstrukt die AMPs auch die Biofilmbildung“, erklärt Hilpert. Wurden beschichtete Implantat-Stücke in eine Nährlösung mit sehr hoher Konzentration von Bakterien gelegt, stellten die Wissenschaftler im Unterschied zu unbeschichteten Implantaten kaum einen Bewuchs mit Bakterien fest. Die Wirksamkeit konnte auch im Tierversuch nachgewiesen werden. Zugleich belegten Versuche in Zellkultur und an Ratten, dass die Schutzschicht biokompatibel, also unschädlich für Körperzellen ist. Bisher wurden die Beschichtungen an Titanoberflächen untersucht, da dieses Material in sehr vielen Implantaten vorkommt. „Das gleiche Prinzip lässt sich aber auch auf anderen Oberflächen anwenden, beispielsweise bei Kathetern aus Kunststoff“, so Hilpert.

„Die Ergebnisse von Dr. Hilpert und seinen Kollegen eröffnen eine neue und attraktive Option für die Beschichtung von Implantaten. Momentan werden am IFG die zugrundeliegenden Wirkungsmechanismen intensiv erforscht und die technologischen Grundlagen für eine schnelle Umsetzung entwickelt, damit baldmöglichst mit klinischen Studien begonnen werden kann“, zeichnet IFG-Direktor Prof. Dr. Christof Wöll die weiteren Perspektiven auf. (rl)

Externer Link: www.kit.edu

Transporte sparen durch intelligente Logistik

Presseaussendung der TU Wien vom 10.03.2011

Geld, Transportkilometer und CO2-Ausstoß sparen: Die gemeinsame Forschung von Technischer Universität (TU) Wien, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und den Industriepartnern 4flow AG, Schenker AG und Volkswagen AG offenbart erstaunliche Verbesserungspotenziale in der Automobilindustrie.

Wien (TU). – Autoproduktion birgt gewaltige organisatorische Herausforderungen: Damit einerseits die richtigen Autos zeitgerecht beim Kunden landen und andererseits immer die richtigen Bestandteile für die Montage vorhanden sind – ohne große Bestände vorrätig zu halten – ist perfekte Planung gefragt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Logistik: Wie, wann und in welchen Mengen sollen die Auto-Teile angeliefert werden? Auf welchen Verkehrsmitteln werden welche Aufträge am besten an ihren Bestimmungsort gebracht? Bisher blieben solche logistische Aspekte in der Produktionsplanung unberücksichtigt, doch genau hier liegt großes Einsparungspotenzial. Im Forschungsprojekt „InTerTrans“ (Integrierte Terminierung und Transportplanung) wurde nun ein Konzept entwickelt um LKW-Fahrten zu sparen, den Verkehr auf Bahn und Schiff zu verlagern und die Auslastung der Verkehrsmittel weiter zu erhöhen. So kann man Kosten verringern und den CO2-Ausstoß in der Automobilindustrie dramatisch senken.
 
Der billigste Transport ist der, der gar nicht nötig wird

„Unsere Kernidee war, dass die Logistik gleich bei der Planung der Produktion mitberücksichtigt werden muss“, sagt Markus Florian, Projektmitarbeiter im Team von Prof. Wilfried Sihn am Institut für Managementwissenschaften der TU Wien. Bisher wurden bei der Planung nur Anforderungen im Bereich der Produktion einbezogen. Sich nur darauf zu beschränken kann aber zu ineffizienten Situationen bei der Zulieferung führen: LKWs, die halbleer unterwegs sind, Züge mit nur wenigen Waggons – all das kostet Geld und führt zu unnötiger Umweltbelastung. Bezieht man bestimmte Logistikaspekte, wie etwa Kapazitäten und Abfahrtzeiten in die Programmplanung mit ein, können Produktions- und Transportplanung wie Zahnräder ineinandergreifen.
 
Software-System hilft sparen

Welche Arbeitsschritte wann erledigt werden kann einen großen Einfluss auf die Effizienz eines Automobilwerkes haben. Neue Ideen und Strategien zur optimalen Planung der Arbeitsabläufe können nun mit Softwarepaketen untersucht und validiert werden, die im Forschungsprojekt „InTerTrans“ entwickelt wurden. Manchmal ist es sinnvoll, wenn der Transport von fertigen Autos oder Zulieferer-Teilen zeitlich geblockt wird – sodass etwa ein ganzer, vollgefüllter Eisenbahnzug auf die Reise geschickt werden kann, anstatt immer wieder Geld und Ressourcen für den Transport einzelner Waggons zu verschwenden. Andererseits kann es in manchen Situationen auch nützlich sein, für einen gleichmäßigen Materialstrom und einen konstanten Bedarf nach Lieferungen zu sorgen. Um diese Ansätze jedoch zielgerichtet einsetzen zu können, ist ein ganzheitliches Verständnis über die Zusammenhänge von Produkt, Produktion und Logistikstruktur erforderlich. Sowohl bei der Produktions- als auch bei der Transportplanung helfen die neuentwickelten Softwaresysteme. Produktionsplanungs-Programme lassen logistische Kriterien mit einfließen, die Transportplanungssoftware passt das Transportnetz dynamisch an die aktuellen Bedingungen an, die sich ständig verändern. Der Produktions- und der Logistikbereich stehen in einer starken Wechselwirkung zueinander.

Wissenschaft und Wirtschaft forschen gemeinsam

Drei Jahre lang forschte die TU Wien und das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik gemeinsam mit der 4flow AG, die das Projekt anführte, der Schenker Deutschland AG und der Volkswagen AG. Nun steht ein Konzept zur Verfügung, das mit Unterstützung eines Software-Prototypen für Produktions- und Logistikplanung entwickelt wurde. In vier Fallstudien mit realistischen Daten aus der Praxis wurde das neue Lösungs-Paket nun getestet – und die Ergebnisse sind beeindruckend: Bis zu 48% der LKW-Kilometer können durch die bessere Planung in der Distribution eingespart werden – größtenteils durch Verlagerung auf die Bahn. Sowohl LKWs als auch Züge sind durch bessere Planung besser ausgelastet, und auch die Stillstandzeiten, in denen fertige Fahrzeuge ungenützt herumstehen, kann verringert werden – und dadurch sinkt der Bestand an fertigen Fahrzeugen gleich um über 23%. All das trägt natürlich massiv zur Einsparung von CO2 bei. Das Projekt InTerTrans zeigt also, wie gut ökonomische Optimierung und ökologische Vorteile Hand in Hand gehen können. (Florian Aigner)

Externer Link: www.tuwien.ac.at

Zahnimplantate unter Strom

Medienmitteilung der ETH Zürich vom 08.03.2011

Infektionen an Zahnimplantaten sind gefürchtet – bei circa zehn Prozent der Implantate treten Probleme auf. Das Risiko ist gross, dass es zum Knochenschwund kommt und das Implantat wieder entfernt werden muss. Forschende der ETH und der Universität Zürich haben nun eine nichtinvasive Methode entwickelt, die den entzündungsverursachenden Bakterien effizient zu Leibe rückt.

Die Titanschraube eines Zahnimplantats unter Strom setzen? Was eher nach einer Foltermethode tönt, ist völlig ungefährlich und medizinisch durchaus sinnvoll, denn die richtige Dosis Strom lässt Bakterien absterben. Allerdings ist alles eine Frage des Masses: Die wenigen Milliampere, die dafür ausreichen, werden vom Patienten kaum wahrgenommen oder äussern sich höchstens durch ein leichtes Muskelzucken. Das zeigen die Experimente, die Dirk Mohn im Rahmen seiner Doktorarbeit bei ETH-Professor Wendelin Stark vom Institut für Chemie- und Bioingenieurwissenschaften in Zusammenarbeit mit Thomas Imfeld, Professor am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich, durchgeführt hat.

Zehn Prozent der Implantate machen Probleme

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der eingesetzten Zahnimplantate in Europa und den USA verdoppelt. «In den industrialisierten Ländern wurden im Jahr 2009 schätzungsweise fünf Millionen Zahnimplantate eingesetzt, davon etwa eine Million in Deutschland und 100’000 in der Schweiz», sagt Thomas Imfeld. Bei circa zehn Prozent der Implantate treten Probleme auf, meist im ersten Jahr nach dem Eingriff. Das Implantat verheilt erst gar nicht mit dem Knochen oder das Gewebe rund um ein Implantat kann sich infizieren. Eine Infektion kann schliesslich bis zum Knochenschwund führen und dazu, dass das Implantat wieder entfernt werden muss.

Die Behandlung solcher Entzündungen erfolgt heute mechanisch oder mit lokal angewendeten Antibiotika – dies bedeutet in vielen Fällen eine Belastung für die Patienten und Patientinnen. Ziel der Zürcher Forscher war es deshalb, ein nichtinvasives Verfahren zu entwickeln, um diese Entzündungen effizient und schonend zu behandeln. «Die Idee stammt aus der Wasserreinigung, wo durch die klassische Elektrolyse keimfreies Wasser produziert wird», sagt Dirk Mohn. Um die Situation im Kiefer zu simulieren, nutzen die Wissenschaftler ein mit physiologischer Kochsalzlösung hergestelltes Gelatinepräparat. In dieses platzierten sie original Titan-Implantate, die sie zuvor mit einem Bakterienfilm aus E.coli-Bakterien beschichteten.

Bakterien nach 15 Minuten beseitigt

Im Experiment dient für den Stromfluss je ein Implantat als Kathode (Minuspol) und eines als Anode (Pluspol). Die Implantate werden 15 Minuten lang einer Stromstärke zwischen 0 und 10 Milliampere ausgesetzt. Die durch das erzeugte Spannungsfeld verursachte Elektrolyse führte dazu, dass Wassermoleküle an der Kathode in Hydroxid-Ionen zerlegt werden und somit der pH-Wert steigt. Farbindikatoren in der Gelatine zeigen das alkalische Milieu durch einen Farbumschlag an. An der Anode hingegen sinkt der pH-Wert, es bildet sich ein saures Milieu. Aus der Kochsalzlösung entstehen stark oxidative – in dieser Konzentration aber ungefährliche – Substanzen wie Chlor. Diese Substanzen haben eine viel höher desinfizierende Wirkung als das rein alkalische Milieu an der Kathode. Die Versuchsreihen mit unterschiedlichen Stromstärken zeigen, dass bei den Implantaten, bei denen ein saures Milieu erzeugt wurde, nach einer fünfzehnminütigen Behandlung 99 Prozent der Bakterien abgetötet werden.

In Zukunft würde deshalb das Implantat von Patienten die Funktion der Anode übernehmen. Ein Clip an der Lippe könnte als Kathode verwendet werden, sagt Mohn. Momentan sind die Wissenschaftler dabei, ein entsprechendes Gerät zu entwickeln, das zum Beispiel bei Hunden eingesetzt und damit getestet werden könnte. Parallel dazu erweitern die Wissenschaftler ihre In-vitro-Versuche mit einer breiteren Bakterienpopulation, die der Bakterienvielfalt im Mund entspricht.

Publikation:
Mohn D, Zehnder M, Stark WJ, Imfeld T (2011): Electrochemical Disinfection of Dental Implants – a Proof of Concept. PLoS ONE 6(1): e16157. doi: 10.1371/journal.pone.0016157

Externer Link: www.ethz.ch

Ribosomen aktivieren Zellwachstum – und Krebs

Medienmitteilung der Universität Basel vom 04.03.2011

Der Proteinkomplex mTORC2 (Target of Rapamycin Complex) in Säugetieren hat eine zentrale Kontrollfunktion für das Zellwachstum und wird durch direkte Interaktion mit einem Ribosom aktiviert. Die Hauptfunktion der Ribosomen in der Zelle ist die Proteinbiosythese, kurz die Herstellung von Proteinen. Dass Ribosomen durch eine Aktivierung des Proteinkomplexes mTORC2 auch eine zentrale Rolle in Signalwegen des Zellwachstums und damit bei der Entstehung von Krebs spielen, hat die Forschungsgruppe von Prof. Mike Hall am Biozentrum der Universität Basel nun erstmals nachgewiesen. Die Ergebnisse sind jetzt im US-Journal Cell veröffentlicht.

TOR (Target of Rapamycin) ist ein zentrales Steuerungselement für das Zellwachstum und spielt damit eine entscheidende Rolle für die Entwicklung und Alterung eines Lebewesens. TOR kommt in allen Eukaryonten – von der Hefe bis zum Menschen – vor. Es ist in der Zelle Bestandteil von zwei grösseren Proteinkomplexen, TORC1 und TORC2 (mTORC1 und mTORC2 in Säugetieren), die sich in ihrer Struktur und Funktion unterscheiden. Aktivierte Komplexe mTORC1 und mTORC2 führen zu Zellwachstum, in der Regel von gesunden, manchmal jedoch auch von Krebszellen.

Man wusste bereits, dass der Proteinkomplex mTORC1 durch verschiedene Wachstumsfaktoren, Nährstoffe sowie den Energiestatus der Zelle aktiviert wird und kannte die zugehörigen Mechanismen. Über die Regulierung von mTORC2 hingegen konnte man bisher nur sagen, dass die Aktivierung des Komplexes ausschliesslich über Wachstumsfaktoren erfolgt. Wie das genau geschieht, war nicht bekannt. Die Erforschung des Mechanismus zur Aktivierung des mTORC2-Signalweges in gesunden oder Krebszellen ist daher eine zentrale Fragestellung für Halls Forschungsgruppe.

Ribosomen aktivieren mTORC2

Das Ribosom als Bestandteil aller Zellen in jedem Lebewesen ist bekannt als „Maschine“ zur Herstellung von Proteinen. Nun sind Ribosomen von Halls Forschungsgruppe als Aktivatoren von mTORC2 identifiziert worden: Die direkte Interaktion zwischen Ribosom und mTORC2 in einer Zelle führt zur Aktivierung des Proteinkomplexes und damit zu Zellwachstum, in gesunden oder auch in Krebszellen. Diese Interaktion wird durch den Botenstoff PI3K stimuliert. Da die Ribosomenkonzentration die Rate der Proteinbiosynthese und damit die Wachstumsfähigkeit einer Zelle bestimmt, wird mTORC2 nur in wachstumsfähigen Zellen aktiviert. So ist im Umkehrschluss sichergestellt, dass bei geringer Ribosomenkonzentration mTORC2 inaktiv bleibt und nicht in der Lage ist, zu einem ungeeigneten Zeitpunkt das Zellwachstum anzuregen. Auf diese Weise wird mTORC2 durch die Wachstumsfähigkeit der Zelle reguliert.

Halls Forschungsgruppe hat diesen Regulationsprozess im Zuge eines genetischen Screenings bei Hefezellen entdeckt und kann die neuen Erkenntnisse auch in Säugetierzellen nachweisen. Dies ist nur möglich, weil TOR und seine Regulierung in Laufe der Evolution stark konserviert worden sind, da sie bei allen Eukaryonten eine lebenswichtige Rolle spielen.

TOR-Signalwege wichtig für Therapie von Krebs

Da die Entwicklung verschiedener Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Adipositas mit Störungen des TOR-Signalweges in Verbindung stehen, sind Halls Forschungsergebnisse von grosser medizinischer Bedeutung. Für zukünftige Therapieansätze könnte ein medikamentöser Eingriff in die TORC2-Ribosomen-Interaktion ein vielversprechender Ansatzpunkt für die Behandlung dieser Krankheiten sein.

Prof. Hall entdeckte in den 1990er Jahren mit seiner Forschungsgruppe das Protein TOR und beschrieb dessen Rolle als zentrales Kontrollelement für das Zellwachstum. 2002 entdeckte er zudem die beiden TOR-Proteinkomplexe. Halls Gruppe erforscht derzeit, wie genau die Interaktion zwischen Ribosom und TORC2 in der Zelle abläuft und welche Rolle TORC1 und TORC2 bei der Entstehung schwerwiegender Krankheiten spielen.

Originalbeitrag:
Vittoria Zinzalla, Daniele Stracka, Wolfgang Oppliger, and Michael N. Hall
Activation of mTORC2 by Association with the Ribosome
CELL, Journal, Volume 144, Issue 5, DOI: 10.1016/; PII

Externer Link: www.unibas.ch